Psychiatrie-Geschichte

Aus historischer Verantwortung

Sitz des Bildungswerks des Bayerischen Bezirketags ist Kloster Irsee (1182 gegründet), in dem nach der Säkularisation von 1802/03 eine höchst ambivalente Psychiatrie­geschichte begann: Bereits 1832 hatte sich die Vorgängerinstitution des Bezirks Schwaben für die Errichtung einer „Kreis-Irrenanstalt Irsee“ entschlossen, die am 1. September 1849 für etwa achtzig Patienten in den umgestalteten Klostergebäuden eröffnet wurde.

Psychisch Kranke sollten nicht nur verwahrt, sondern nach medizinischen Gesichts­punkten versorgt, Zwangsmaßnahmen auf das Notwendigste beschränkt werden. Arbeit wurde als Therapie verstanden, wofür die Anlage des ehemaligen Klosters mit Gärten und Werkstätten gute Möglichkeiten bot.

Gerald Dobler, Von Irsee nach Kaufbeuren, 2013

Schon nach kurzer Zeit stieg die Zahl der Patienten auf über dreihundert an, so dass am 1. August 1876 die „Bayerische Heilanstalt für Geisteskranke in Kaufbeuren“ eröffnet wurde. Irsee fungierte von nun an als Zweigstelle, in der vorwiegend chronisch Kranke untergebracht wurden (vgl. Gerald Dobler, Von Irsee nach Kaufbeuren, 2013).

Missstände in den überfüllten Krankenhäusern, die Mangeljahre in und nach dem Ersten Weltkrieg, vor allem aber die Charakterisierung von „unheilbaren“ Patienten als „lebensunwert“, führten in eine verhängnisvolle Nähe zur nationalsozialistischen Praxis der „Euthanasie“. So wurden Patienten der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren/Irsee während des Dritten Reichs nicht nur in spezielle „Tötungsanstalten“ deportiert (nach Grafeneck/Württemberg und Schloss Hartheim bei Linz), sondern auch mit fettloser „E-Kost“, mit Tabletten und Injektionen umgebracht. Die Leichen wurden in anstaltseigenen Friedhöfen bestattet bzw. in einem eigens errichteten Krematorium verbrannt.

Robert Domes, Nebel im August, 2008

Einer der Patienten, dessen Schicksal bereits in den Ärzteprozessen der unmittelbaren Nachkriegszeit eine Rolle spielte, war Ernst Lossa, der als vierzehnjähriger Bub im August 1944 mit zwei Spritzen Morphium-Scopolamin in Irsee ermordet wurde (vgl. Robert Domes, Nebel im August. Die Lebensgeschichte des Ernst Lossa, 2008; Film: 2016, Bühnenfassung: 2018). Insgesamt sind in der Anstalt Irsee über 1.200 Opfer zu beklagen. Die Täter kamen mit nur geringen Haftstrafen davon.

1972 wurde Kloster Irsee als Abteilung des heutigen Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren auf Grund gravierender baulicher Mängel geschlossen (vgl. Gerald Dobler, Was wird aus Irsee?, 2016 sowie: Robert Domes, Die Anstalt Irsee zwischen Kriegsende und Auflösung, 2017). Nach der Sanierung errichtete man bereits im Eröffnungsjahr des Schwäbischen Bildungszentrums 1981 auf dem ehemaligen Anstaltsfriedhof ein Denkmal für die Opfer der NS-Patientenmorde. Mitte der 1990er Jahre folgte die Widmung der Gedenkstätte in der ehemaligen Anstalts-Prosektur, 2009 und 2015 die Setzung von „Stolpersteinen“ vor der Klosterfassade.

M. von Cranach/H.-L. Siemen (Hg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945, München 1999

Die Aufarbeitung der Verbrechen wurde initiiert durch den langjährigen ärztlichen Direktor des Bezirkskrankenhauses Kaufbeuren, Prof. Dr. Michael von Cranach (vgl. Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945, München 1999).

Das Bildungswerk selbst hat 2009 eine kleine Schrift „Zum Gedenken an die Opfer der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren/Irsee“ vorgelegt (Stefan Raueiser/Bertram Sellner (Hg.), „… man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen“). 2013 folgte die Veröffentlichung der „Geistlichen Quellen“ zu den NS-Krankenmorden in Irsee (Magdalene Heuvelmann, „Wer in einer Gottesferne lebt, ist im Stande, jeden Kranken wegzuräumen“). 2015 konnte das Chronologische Toten-Register der Anstalt veröffentlicht werden (Magdalene Heuvelmann, Das Irseer Totenbuch), 2016 folgte eine Dokumentation der Irseer Anstaltsgräber (Wiebke Janssen, „Es wird wohl eine Seltenheit sein, dass eine Gemeinde vier Friedhöfe hat“).

Stefan Raueiser/Bertram Sellner (Hg.), „… man stolpert mit dem Kopf und mit dem Herzen“

Darüber hinaus standen und stehen Veranstaltungen für eine neue, Patienten-geleitete (statt professionell-oktroyierte) Psychiatrie auf dem Programm des Bildungswerks, so etwa die Gründungsversammlung des Bundesverbandes Psychiatrie-Erfahrener (1991), die erste Tagung des Landesverbandes Bayern des Vereins „Bürgerhilfe in der Psychiatrie“ (2001) und die Frühjahrstagung des Arbeitskreises zur Erforschung der nationalsozialistischen „Euthanasie“ und Zwangssterilisation (2011). Die dort verabschiedete „Irseer Stellungnahme“ zur Präimplantationsdiagnostik verweist auf die lange und bis heute nachwirkende Geschichte von Eugenik und „Euthanasie“ (vgl. www.ak-ns-euthanasie.de).

2017 rückte auch die Nachkriegsgeschichte der Irseer Anstalt in den Fokus des Interesses (vgl. Gerald Dobler, Irsee zwischen 1943 und 1950; sowie Robert Domes, „Wir waren wie eine große Familie“. Die Anstalt Irsee zwischen Kriegsende und Auflösung).